Stephan Reimelt: Die Energiewende braucht ein hartes Projektmanagement

Prof. Dr. Stephan Reimelt ist CEO GE Energy in Deutschland.

In der vergangenen Woche ruhte das Tagesgeschäft in Energiedeutschland – diesen Eindruck konnte man zumindest als Teilnehmer der „Jahrestagung Energiewirtschaft“ des Handelsblatts gewinnen. Die Zahl der anwesenden Entscheider war enorm. Rein personell avancierte das Berliner InterConti vorübergehend zur Managementzentrale der deutschen Energiewirtschaft.

Der „Senior-Leadership-Meeting“ Charakter der Tagung hat seinen Grund: Kaum eine andere Branche in Deutschland fliegt derzeit so sehr auf Sicht wie die Energiebranche. Die Energiewende ist nicht nur eines der größten Infrastrukturvorhaben in der Geschichte der Bundesrepublik, sie ist bisher auch eine politische Entscheidung ohne technische Lösung. Sicher ist: Nichts wird bleiben, wie es war. Sämtliche Bereiche der energetischen Wertschöpfungskette – von der Erzeugung über den Transport bis hin zur Verteilung und Speicherung von Energie – stehen immensen technischen Herausforderungen gegenüber.

Vielfalt bestimmt das Energiedeutschland von Morgen

In der Folge des Atomausstiegs muss die deutsche Energielandschaft bis zum endgültigen Aus im Jahr 2022 den Verlust von 20,5 Gigawatt nuklear erzeugter Grundlast ausgleichen. Der Anteil dezentral erzeugter und in der Verfügbarkeit zum Teil stark schwankender erneuerbarer Energie steigt dabei kontinuierlich an; schon jetzt beträgt er bis zu 20 Prozent an der Stromversorgung. Fossile Erzeugung wird es zwar auch 2022 noch geben, aber die Entwicklung führt auch hier weg von der in Deutschland traditionell üblichen Großerzeugung und hin zu flexibel an-und abfahrbaren sowie hocheffizienten Gas- und Dampfkraftwerken.

Wie genau die Struktur der deutschen Erzeugungslandschaft aussehen wird, weiß heute niemand. Die wahrscheinlichsten Szenarien veranschaulicht die interaktive Grafik „Future Energy Mix“ (zum Starten bitte anklicken):

Unstrittig ist: Die übersichtliche deutsche Erzeugungslandschaft aus strategisch positionierten Grundlast-, Mittellast- und Spitzenlastkraftwerken wird einer komplexeren und vielfältigeren Struktur weichen. Die Zahl der Energieerzeuger wird weiter zunehmen. Bis 2020 werden aktuellen Berechnungen zufolge bis zu 60 Prozent der neu installierten Kapazitäten dezentrale Erzeuger sein. Schon heute sind rund 40 Prozent der erneuerbaren Erzeugungskapazitäten in privater Hand. Die Folge: Die Lastflüsse gerade auf der Verteilebene flexibilisieren sich weiter, die Grenzen zwischen Versorger und Verbraucher werden durchlässiger, und Verfügbarkeit sowie Preis von Energie werden stärker den Wetterbedingungen unterlegen sein als bisher.

Bei alledem ist die deutsche Wirtschaft auch in Zukunft auf eine sichere Versorgung mit Energie angewiesen. Während es Aufgabe der Politik ist, diese über ein regulatorisches Rahmenwerk zu gewährleisten, sieht es GE als seine Aufgabe, das technologische Rüstzeug bereitzustellen, um energetische Versorgungssicherheit auch in einem komplexen Umfeld sicherzustellen.

Schlüssiges Portfolio für die Energiewende

Auf der Erzeugungsebene bietet GE Unternehmen und Versorgungsunternehmen ein umfassendes Portfolio an Produkten und Lösungen: Gasmotoren und aeroderivative Gasturbinen sind speziell für den lokalen und industriellen Einsatz konzipiert und ermöglichen eine autonome und emissionsarme Energieerzeugung. GEs schwere Gasturbinen der FlexEfficiency-Klasse zählen zu den effizientesten Kombikraftwerken der Welt, erreichen einen Wirkungsgrad von bis zu 61 Prozent und sind mit einer Anfahrzeit von unter 30 Minuten ideal für den flexiblen Einsatz in dezentralen Erzeugungslandschaften.

Für die Betreiber von Verteil- und Transportnetzen aber auch für alle Bilanzkreisverantwortlichen stellen zuverlässige Lastprognosen, effizientes Lastmanagement und – allgemeiner – die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen die größten Herausforderungen dar. Auf dieser Ebene der Schnittstellen zwischen Verbrauch und Erzeugung ist Software der Schlüssel zur erfolgreichen Beherrschung der Energiewende. Lösungen von GE in den Bereichen Lastflusserkennung, „Demand-Side-Management“ und „Line Rating“ ermöglichen eine intelligente Steuerung von Macro- und Micro-Grids.

Dialog und Partnerschaft

Die technischen Herausforderungen, denen die Energiewirtschaft gegenüber gestellt ist, sowie der rege Besuch der Handelsblatt-Tagung machen deutlich, worauf es in Zukunft ankommen wird: Über den Erfolg der Energiewende wird nicht zuletzt die Fähigkeit zum konstruktiven Dialog und zur Bildung neuer Partnerschaften entscheiden. Die alten Grenzen gelten nicht mehr. Von Waschmaschine und Fertigungsstraße bis zum Stromzähler müssen bisher stumme Komponenten lernen, miteinander und mit ihrer technischen Umgebung zu sprechen. Auch auf institutioneller Ebene werden sich neue Allianzen bilden müssen. Die Energiewende ist nur im Schulterschluss von IT, Energie- und Netztechnik und Versorgern stemmbar. Wer wie GE große Teile der energetischen Wertschöpfungskette unter einem Dach vereint, ist hier im Vorteil.

Die Energiewende wird gelingen. Aber sie verlangt Industrie, Verbrauchern und Politik gleichermaßen ein Höchstmaß an Innovations- und Anpassungskraft ab. Möglicherweise ist sie nur in Deutschland überhaupt möglich. Denn Deutschland hat nicht nur den gesellschaftlichen Konsens, sondern auch die technologische Kompetenz, um diese Herkulesaufgabe erfolgreich zu bewältigen.

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